Was ist der Romantische Rausch?

Während in Frankreich ab 1789 die Französische Revolution ausbrach und dort das sogenannte Ancien Régime – also das absolutistisch und feudal organisierte System des französischen Königstaats – wegfegte, dauerte es in Preußen länger bis sich hier ein modernes Staatswesen herausentwickeln konnte. Und dennoch war Berlin für diesen Entwicklungsschub bestens gerüstet. Die preußische Hauptstadt hatte sich nach dem Tod Friedrichs II. (1786) zu einem ( wenn nicht sogar zu dem) intellektuellen Zentrum Deutschlands entwickelt. Eine neue Generation von Künstlern, Denkern und Salonièren (= Betreiberinnen bzw. Gastgeberinnen von literarischen Salons) brachte eine neue kulturelle Mentalität zum Vorschein, deren Folgen (im Positiven wie im Negativen) wir noch bis heute nachverfolgen können. Dabei ließen sich die Romantiker zum Teil von den französischen Vordenkern inspirieren, zum Teil aber entwickelten sie im Kontrast dazu ganz eigene Gedankenmodelle, die die alte Welt des Ancien Régime vollständig aus den Angeln hebte: Der „Romantische Rausch“ setzte ein.

Bertolt Brechts berühmte „Fragen eines lesenden Arbeiter“ besitzen natürlich auch für das königliche Berlin des 18. Jahrhunderts ihre Gültigkeit: „Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?“ Die wachsende Hauptstadt Brandenburg-Preußens war auch im absolutistischen Zeitalter das Werk eines immer größer werdenden Kollektivs. Andererseits gingen die wichtigsten offiziellen Vorgaben, die stärksten gestalterischen Impulse und die steuernden finanziellen Investitionen bis weit ins 18. Jahrhundert noch immer vom königlichen Kabinett aus.

Für Berlin und Potsdam bedeutete das, dass vor allem die architektonischen und städteplanerischen Aktivitäten auf königlichen Direktiven fußten, aber auch für das kulturelle Programm aus Theater- und Opernvorstellungen, Feierlichkeiten und Konzerten verstanden sich die Friedrich Wilhelms und Friedrichs immer auch als alles entscheidende Generalintendanten. Bestenfalls ignorierten sie das städtische Geistesleben, wie etwa Friedrich II., der die Schriften von Immanuel Kant, Moses Mendelssohn, Friedrich Nicolai, Gotthold Ephraim Lessing oder Karl Philipp Moritz mit gnädiger Geringschätzung nicht zur Kenntnis nahm und sich allenfalls die Mühe machte, Aufführungen von Shakespeare und Goethe (namentlich „Götz von Berlichingen“) als Possenreißerei und widerliche Plattheiten zu diskreditieren (= herab zu setzen).

Angesichts der königlichen Dominanz hat es sich daher in geschichtlichen Darstellungen Berlins und Potsdams „eingebürgert“, die Geschichte des 18. Jahrhunderts in Stilepochen einzuteilen, die sich an den Regierungsdaten der Hohenzollern-Herrscher orientieren. Das ändert sich nach dem Tod Friedrichs II. (1786) mit dem aufkommenden Zeitalter der Romantik. Auf einmal tauchen aus allen Ecken und Winkeln eigenständige Persönlichkeiten auf, die die märkische Residenzstadt mit ihren nahezu 200.000 Einwohnern als Bühne für ihre Ambitionen nutzen.

Die Regierungsjahre Friedrich Wilhelm II. (1786-1797) waren nicht sonderlich erfolgreich, wenn es darum ging, große Talente aus anderen Städten abzuwerben. Mozart wurde im April 1789 weder am Hofe zu einer königlichen Audienz eingeladen, noch fand er in den Stadt herzliche Aufnahme. Auch Schiller soll in dieser Zeit, die er größtenteils im Thüringischen oder in Sachsen verbrachte, erwogen haben nach Berlin zu wechseln, bis er dann letztlich in Weimar und Jena halbwegs lukrative Anstellungen fand. Dagegen soll immerhin Friedrich Wilhelm II., der ein passionierter Cello-Spieler war, geplant haben, Ludwig van Beethoven für seinen Hof zu engagieren. „Zu einem konkreten Angebot kam es aber nicht mehr, weil der preußische König im Herbst 1797 plötzlich starb“ [Jan Caeyers: „Beethoven. Der einsame Revolutionär“, S. 173]. Stattdessen soll Beethoven in Berlin von einem Rattenfloh mit Fleckfieber infiziert worden sein, in dessen Krankheitsverlauf der Komponist seinen bleibenden Hörschaden erlitt. Luigi Boccherini dagegen hatte Friedrich Wilhelm bereits seit dem Jahr seiner Thronbesteigung auf der Gehaltsliste. Der Italiener, der am spanischen Hof fest engagiert war, lieferte jedoch nur seine Kompositionen nach Preußen, nach Berlin selbst dürfte er nie gekommen sein. Und auch Josef Haydn fand im Jahr 1790 nach seinem Rausschmiss bei den Esterházys keinen Mäzen in Berlin, der es mit seinen Londoner Gönnern aufnehmen konnte. Und auch unter Friedrich Wilhelm III. scheiterten am Anfang des neuen Jahrhunderts die Versuche, den Schriftsteller Jean-Paul nach Berlin zu locken sowie Schiller an die preußische Hauptstadt zu binden. Schiller stirbt vor seinem endgültigen Umzug.

Doch die neue Generation an Romantikern, Reformern und idealistischen Denkern drängt ab 1795 nach Berlin – oder ist bereits da. Die Schriftsteller Wilhelm Heinrich Wackenroder (1773-1798), Ludwig Tieck (1773-1853), Achim von Arnim (1781-1831) und Friedrich de la Motte Fouqué (1777-1843) waren mehr oder weniger gebürtige Berliner. Gleiches gilt für die Brüder Wilhelm (1767-1835) und Alexander von Humboldt (1769-1859), den Philosophen und Staatstheoretiker Adam Müller (1779-1729), den General und Guerilla-Kämpfer Friedrich August Ludwig von der Marwitz (1777-1837), den Sprachforscher August Ferdinand Bernhardi (1769-1820) sowie den Bildhauer Christian Friedrich Tieck (1776-1851) – und nicht zuletzt für eine Reihe von Frauen, die sich als „Musen“ und Verkörperung eines neuen Frauen-Ideals sowie als Salon-Betreiberin und geniale Netzwerkerinnen für die neue Bewegung unentbehrlich gemacht haben. Henriette Herz (1764-1847), Dorothea Schlegel (1764-1839), Rahel Levin (1771-1831) und Sophie Tieck (1775-1833). Und im Laufe der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts wurden noch weitere aufstrebende Talente vom Berliner Geistesleben angelockt: Die Schriftsteller Friedrich Schlegel (1772-1829), E.T.A. Hoffmann (1776-1822) und Adelbert von Chamisso (1781-1738), die Philosophen Friedrich Schleiermacher (1788-1834) und Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), der Theaterdirektor August Wilhelm Iffland (1759-1814), die Architekten Friedrich Gilly (1772-1800) und Karl Friedrich Schinkel (1781-1841), sowie der Bildhauer Christian Daniel Rauch (1777-1857).

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Luises Mausoleum (1810), nach Plänen von Heinrich Gentz und Karl Friedrich Schinkel

Diese Unbarmherzige und bildungshubernde Namedropping (= das Nennen und Auflisten von Namen, die beim Leser Eindruck hinterlassen sollen) bei dieser Aufzählung soll nur eine einfache Tatsache aufzeigen: Die romantische Bewegung hat eine Vielzahl von neuen Protagonisten hervorgebracht, die das Berliner Stadtleben bereicherten und fortan das Hofleben in den Schatten stellte – obwohl dort die bezaubernde Königin Luise zuhause war.