Was suchte Nietzsche in Berlin? (Teil II)

Friedrich Nietzsche wollte kurzentschlossen im Juni 1882 das umsetzen, was er in den Monaten zuvor nur als spekulative Möglichkeit angesehen hatte: Das Waldrevier des Grunewalds zu sichten, in dem er sich fortan hätte zurückziehen und gleichzeitig die Nahdistanz zu Lou Salomé – die sich in Berlin niederlassen sollte – hätte wahren können. Nietzsches Expedition geriet zum Desaster.

Bei einem ersten Spaziergang empfing der Wald Nietzsche „im strömenden Regen“, bei seinem zweiten Erkundungsversuch „mit einer strömenden Menschenmenge, den obligaten Frühstückspapieren und wüsten Gesängen“, so die Überlieferungen von Nietzsches Schwester Elisabeth. „Im dürren Kiefernforst des Grunewalds, irgendwo zwischen Teufelssee, Saubucht und Krumme Lanke, ist der Philosoph (…) mitten unter lärmende Sommerfrischler geraten.“ (Ralf Berhorst)

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Was Nietzsche in Berliner Wäldern fand: Aufklärung

Man tut Nietzsches Naivität in diesem Zusammenhang vielleicht Unrecht, denn die lärmende Begeisterung für Naherholungsgebiete war eine typische großstädtische und vergleichsweise neuartige Entwicklung der Volksbelustigung. Während beispielsweise die Wiener an den Wochenenden den Höhenluftkurort Semmering oder den Wienerwald bevölkerten, waren es in Berlin die Waldgebiete an Havel, Spree und Dahme im Westen oder Südosten der Stadt, die die grölenden Menschenmengen anlockten. Im Berliner Umland entstanden Ende des 19. Jahrhunderts auch die männerbündischen Vatertags-Rituale des Himmelfahrtstag („Herrentagspartien“ mit flieder- oder birkenzweiggeschmückten Kutschen oder Bollerwagen, in denen Unmassen von Bier für die Teilnehmer transportiert wurde), die heute noch in ganz Deutschland verbreitet sind.

Die neue großstädtische Freizeitkultur lässt sich auch anhand der aufflammenden Beliebtheit von Dampferfahrten ablesen. Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich der Charakter von solchen privaten Ausflugsfahrten, denn mit den wachsenden Fahrgastzahlen verschwand der elitäre Charakter, den die einst privilegierten Zerstreuungssuchenden gehabt hatte. Bereits 1901 registrierte die Berliner „Spree-Havel-Dampfschifffahrts-Gesellschaft Stern“ eine Million zahlende Passagiere, zehn Jahre später machten bereits drei Millionen Berliner einen Ausflüge mit den Schiffen der „Stern-Dampfer“, dazu kamen ungezählte Fahrten für organisierte Gesellschaften und Vereinsfeiern. Der Angriff der vergnügungssüchtigen Massen ähnelte jetzt ganz und gar nicht mehr kontemplativen (= besinnlichen) Fahrten durch verträumte Flusslandschaften, eher einem massenhaft verstärkten „Walkürenritt“ (= eine fanfarenartige, von Waldhörnern gespielten Melodie eines Orchesterstücks von Richard Wagner, das schon zu Lebzeiten Wagners als Zirkusmusik gespielt wurde und bis in die heutigen Tage in zahlreichen Filmmusiken (u.a. in „Apokalypse Now“) zitiert wird) von Freizeit-Hooligans. Die Stern-Schiffe verfügten über Kapellen, die während der Fahrt mit „Dampfermusik“ über die Flüsse und Seen lärmten, während die Passagiere Bier tranken. Am Ende der Fahrt stürmten sie die Gartenlokale, die ihrerseits mit Tanzmusik und Kegelbahnen lockten.

Nietzsche war schockiert. Bereits am Samstag – also einem Tag nach seiner Ankunft in Berlin – flüchtete sich der Philosoph in einen Zug nach Naumburg. „Also: ich habe eine kleine anscheinend sehr thörichte Reise nach Berlin gemacht, bei der mir Alles mißrieth, Tags darauf fuhr ich zurück; über den Grunewald und mich selber etwas aufgeklärter als sonst“, schrieb Nietzsche Tage später in einem Brief an Salomé. Doch das Desaster war noch nicht komplett: Auch die (wie auch immer geartete) Beziehung zwischen Nietzsche und Salomé (sowie Paul Rée) ging in den kommenden Monaten in die Brüche. Bedingt durch zahlreiche Eifersüchteleien – und verstärkt durch bösartige Intrigen von Nietzsches Schwester, die Salomé intellektuell nicht das Wasser reichen konnte – war das Verhältnis unwiederbringlich zerrüttet. Selbst Salomé, die eine Meisterin von kontinuierlichen Freundschaften war und die auch ehemaligen Lebens- und Liebespartnern ein Leben lang die freundschaftliche Treue hielt, bracht den Kontakt zu Nietzsche ab. Wohl auch aus Feingefühl, weil der verlassene Philosoph sich in seinem Furor (= seiner Raserei) zunehmend verrannte. Nietzsche, der Salomé einst als „scharfsinnig wie ein Adler und mutig wie ein Löwe“ charakterisierte und ihr einen „unglaublich sicheren und lauteren Charakter“ zuschrieb, nannte sie nach der Trennung in einem Brief an einen Bruder von Paul Rée nur noch eine „dürre, schmutzige, übelriechende Äffin mit ihren falschen Brüsten.“

Nietzsche verbrachte anschließend einen fürchterlichen Winter an der ligurischen Küste Italiens, ehe ihn dort auf einmal wieder ein neuer Schaffensrausch erfasste und er den ersten Teil von „Also sprach Zarathustra“ niederschrieb. Den zweiten Teil verfasste er dann wieder in Sils-Maria, genau ein Jahr nach seinem Berliner Grunewald-Schrecken. Sils-Maria befand sich nun wieder im schweizerischen Oberengadin und nicht unter märkischen Kiefern.

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