Was ist die Express-Zeit? (Teil II)

Für die auswärtigen Zeitgenossen war das Berliner Tempo zur Zeit der Jahrhundertwende vom 19. zum 20 Jahrhundert reizüberflutend und atemberaubend. Als Unbeteiligte nahmen sie den Straßenverkehr und die vorbeihetzenden Menschenströme als seelenloses Gerenne wahr. Doch die Berliner „Dromologie“ (= Logik des Laufes) gehorchte Regeln, die über Jahrzehnte eingeübt worden waren und die das Tagesgeschehen für nahezu jeden Berliner (unter-)gliederten. Auch die Lesegeschwindigkeit hatte immer stärker zugenommen, denn die Berliner verstanden es, die typischen Codes, Floskeln und Redewendungen der neuen Medien und Textgattungen aufzunehmen und gegebenenfalls auch zu entschlüsseln. Das schwülstige Pathos des 19. Jahrhunderts schliff sich in den Express-Zeiten immer mehr ab oder wurde – wenn es unvermeidlich war – ironisch gewendet.

Das gesteigerte Weltstadttempo Berlins äußerte sich vor allem im Einsatz der neuen Verkehrsmittel im Straßenleben (Straßenbahnen, Automobile, Fahrräder), die den trottenden Trab der Pferdefuhrwerke aus dem 19. Jahrhundert geschwindigkeitstechnisch deutlich überflügelten und deren kreuz und quer schießendes Beschleunigen und Bremsen allein durch die hohen Bordsteinkanten halbwegs gebändigt wurden. Man vergegenwärtige sich: Damals gab es keine Ampeln, keine Fahrbahnmarkierungen, keine Zebrastreifen und keinen Wald aus Verkehrsschilder, der den Verkehrsteilnehmern optische Orientierungshilfen für den Bewegungsfluss gab. Erst im Jahr 1909 trat überhaupt das erste „Gesetz über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen“ in Kraft. Die weltweit erste Einbahnstraße für den Autoverkehr wurde in der Amtszeit des Berliner Polizeipräsidenten Traugott von Jagow (1909 bis 1916) eingeführt: Zwischen Unter den Linden und der Behrenstraße durfte die Friedrichstraße seitdem nur in südliche Richtung befahren werden.

Potsdamer Platz in den Zwanzigern

„Es gab damals vier Standardgeschwindigkeiten für den Mann in der Masse: Fußgänger fünf, Straßenbahn vierzehn, Autobus sechszehn und Untergrundbahn fünfundzwanzig Stundenkilometer“, beziffert Walter Kiaulehn in „Berlin. Schicksal einer Weltstadt“ die neu etablierte Geschwindigkeitsskala. „Störend waren nur die Niveauunterschiede beim Übergang von einem zum anderen Verkehrsmittel. Man musste viele Stufen auf- und absteigen. Aber weil der Berliner durch die vier- und fünfgeschossige Bauweise seiner Häuser an diesen Briefträgersport gewöhnt ist, ging es gerade immer über die Treppen in großem Tempo, und der Fremde, der unversehens in diesen Sog des Berliner Frühsports geriet, blieb bald atemlos zurück (…)“. Zahlreiche auswärtige Beobachter sahen in der Tat vor allem in den schräg dahineilenden und hetzenden Fußgängern das typische Charakteristikum des Berliner Tempos.

Angesichts der umbarmherzigen Hast und der ruppige Ungeduld der Berliner Passanten neigten viele unbeteiligte Beobachter dazu, das großstädtische Express-Tempo als leeres und seelenloses Gerenne ohne inneren Sinn abzuqualifizieren. Doch das war mitnichten so. Mehr denn je galt es in der modernen Großstadtzivilisation, nicht nur die Fahrpläne der Verkehrsmittel sondern auch vereinbarte oder gesetzlich vorgegebene Fristen und Termine einzuhalten – sei es die Öffnungszeiten der Geschäfte, Banken und Börsen, die festen, selten nach Gleitzeit gestaffelten Bürozeiten und Arbeitsschichten, die festgeschriebenen Abgabefristen und Stichtage von Leistungen, Lieferungen oder Zahlungen und nicht zuletzt die Anzeigen- und Redaktionsschlüsse (= „Deadlines“) der großen Zeitungen.

Das Zeitungswesen strukturierte das kollektive Zeitmanagement der Stadt wesentlich, denn Zeitungen waren mittlerweile zu dem zentralen kommunikative Medienkanal geworden, ohne den die Berliner Bevölkerung in ihrem Tagesablauf nicht mehr auskam. Dabei mussten die Zeitungsredaktionen mit ihren Nachrichten- und Reklamebotschaften immer schneller auf den Punkt kommen, wenn sie Ihre Blätter in großer Zahl verkaufen wollten. Die Berliner waren es mittlerweile gewohnt, sich einem schnell getakteten Informationsfluss auszusetzen, indem sie die in den Ressorts und Kolumnen gerasterten Informationen und Meinungen überflogen und aufschnappten. Gleichzeitig waren sie in ihrem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben auf die Lektüre von Kleinanzeigen, Inseraten und Annoncen angewiesen, deren Mikroinformationen sie aus geläufigen Abkürzungen und reduzierten Datensplittern beim Lesevorgang neu zusammensetzten mussten, da die Anzeigentexte aus Längen- und Kostengründen extrem verknappt gehalten waren.

Eine extreme Reduzierung der Inhalte und eine grammatikalische Verformung der Sprache konnte man auch auf den Telegrammzetteln erkennen. Das lag an einer in Pfennigen berechneten Taxe (= Gebühr) für jedes einzelne Wort, die beim Aufgeben eines Telegramms auf den Post- und Telegraphenämtern zu zahlen war – wobei ein einzelnes „Taxwort“ nicht länger als zehn Buchstaben sein durfte. Übrigens trugen auch die zahlreichen Postdienstleistungen zum hohen Tempo auf den Berliner Straßen bei, denn auch auf der „letzten Meile“ (bei der die reale, persönliche Zustellung stattfand) war Geschwindigkeit gefragt: Die in den Ämtern eingegangenen Telegramme setzten Telegrammboten in Gang, die zum Adressaten zu eilen hatten. Hierbei kreuzten sich ihre Wege häufig mit denen der Eilboten, die Express- und Rohrpostbriefe zustellten, oder mit denen der regulären Briefträger, die mehrmals am Tag die Post austrugen.

Generaltelegrafenamt
Das ehemalige Generaltelegraphenamt in der Jägerstraße wurde 1864 als erstes Telegraphenamt Deutschlands gebaut und von 1877 bis 1878 durch den sogenannten „Postarchitekten“ Carl Schwatlo repräsentativ erweitert, um den hoheitlichen Status des Fernschreibewesens in Deutschland zu verdeutlichen. Im Innern soll sich noch heute der einstige „Telegraphen-Apparate-Saal“ mit einer von gusseisernen Bindern getragenen Glasdecke befinden – obwohl ich in einer improvisierten Google-Bildsuche dazu kein Bildmaterial finden konnte. 1918 zog das Generaltelegraphenamts in die Oranienburger Straße. Der Gebäudekomplex, der seit dem Jahr 2000 die Berliner Repräsentanz der Deutschen Telekom beherbergt, ist als Baudenkmal gelistet. (Foto: von Beek100/Wikimedia Commons unter cc-by-sa)

Das Telegraphenwesen war bereits Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem wichtigen Impuls für die Beschleunigung des Berliner Pressewesen geworden. Der Bankierssohn Bernhard Wolff, der zur Zeit der Märzrevolution (1848) die nationalliberale „Nationalzeitung“ mitgegründet hatte, eröffnete ein Jahr (1849) später „Wolffs Telegraphisches Bureau“ (W.T.B.) das im Auftrag von Berliner Unternehmern und Verlegern telegraphisch versendete, geldwerte Börsennachrichten – etwa aus Frankfurt, Paris oder London – übermittelte und gegebenenfalls zur Veröffentlichung bereit stellte: So entstand Deutschlands erste Nachrichtenagentur, die dann bald auch in Visier der amtlichen Stellen geriet: In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts trat die Regierung von Otto von Bismarck mit dem Bureau in Geheimverhandlungen, die mit dem Ergebnis endeten, dass das W.T.B. jedes Jahr einen staatlichen Zuschuss erhielt und es dafür im Gegenzug zusicherte, dass amtliche Depeschen (= Telegramme, das Wort ist vom französischen Wort „dépêcher“ (= sich beeilen) abgeleitet) bevorzugt behandelt werden sollten, während einige regierungskritische Telegramminhalte vor der publizistischen Verbreitung erst einmal den Behörden vorzulegen seien.

Doch der Quantität nach waren vor allem die Adressen der Finanzbranche die wichtigsten Zielorte der über kontinentale (und später auch interkontinental) Leitungen übermittelten Daten, die dann in den lokalen Datenverkehr eingespeist wurden: „Haupttelegraphenamt, Börse und die Zentralen der Banken waren durch ein System von Rohrpostleitungen miteinander verbunden“, schreibt Alexander Klose in „Der Wert der Zeichen“ [in dem Ausstellungsbuch „10 + 5 = Gott“]. Umgekehrt wurde auch die Verschlüsselung von Finanznachrichten immer wichtiger: „Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden bei der telegraphischen Übermittlung von Börsendaten und Geldanweisungen Codebücher mit wechselnden Listen von Verschlüsselungen verwendet“, so Alexander Klose weiter: „Der sich beständig ausweitende und beschleunigende, gold- und warenlose Zahlungsverkehr war bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert nicht viel mehr als ein Prozessieren von Zahlenkolonnen auf Hauptbuchseiten (…) Der Börsenhandel mit solchen virtuellen Werten und insbesondere die Spekulation auf Ereignisse in der Zukunft führten zu einer immer engeren Verbindung von Zeit, Information und Geld.“

Nach einem der großen Berliner Zeitungsverleger ist sogar ein eigens für den internationalen telegraphischen Handelsverkehr entwickelter Code benannt, mit dem seit Beginn des 20 Jahrhunderts Nachrichten standardisiert und kostengünstig übertragen wurden: der Rudolf-Mosse-Code. Mit ihm ließen sich fast 100.000 handelsübliche Phrasen, Begriffe, Mengen, Einheiten, Zahlen, Firmennamen und Schiffslinien in Gruppen von jeweils fünf Buchstaben darstellen. So konnten die Handelsdaten für die Übermittlung preisgünstig komprimiert werden. Zusätzlich wurde eine Verschlüsselung der übermittelten Daten angeboten, bei denen die variable Mengenangaben anhand langer Codetabellen ver- und entschlüsselt werden konnten. Dabei wurden auch Zahlen mit Buchstaben codiert. Da der Code international ausgerichtet war, erschienen Abkürzungsbücher in verschiedenen Sprachen, so dass die Sachverhalte des Handelsverkehrs eindeutig festgelegt waren und sogar rechtsverbindlichen Charakter besaßen. 1922 wurde das Codebuch des Rudolf-Mosse-Codes sogar veröffentlicht. Es umfasste 592 engbedruckte Seiten.

 

 

 

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