Was ist die Express-Zeit (Teil III)?

Aktualität bildete bereits im 19. Jahrhundert in Berlin ein wichtiges Verkaufsargument für den Erwerb einer Zeitung. Zunächst war es vor allem die sensationshungrige Finanz- und Wirtschaftswelt der Stadt, für die der schnellstmögliche Nachrichtenfluss einen wichtigen Kaufanreiz für tagesaktuelle Presseerzeugnisse bildete. Von der Reichsgründung 1871 und der gestiegenen überregionalen politischen Bedeutung Berlins gingen zudem weitere wichtige Impulse für Neuentwicklungen im Berliner Pressewesen aus, das immer stärker auf ganz Deutschland ausstrahlte. Vor allem aber wandelten sich die Zeitungen von einem gemächlichen und privilegierten Informationsmittel, dass zunächst nur für die groß- und bildungsbürgerlicher Eliten von Nutzen war, zu einem Suchtmittel, das in immer größere Bevölkerungskreise das Verlangen nach schnell konsumierbaren Nachrichtenhäppchen wachsen ließ. Zeitungen und Zeitschriften wurden jetzt von immer mehr Menschen überall und zu jeder Tageszeit überflogen. Nur so konnten sie in der aufkommenden „Express-Zeit“ der Gefahr vorbeugen – eine Gefahr, die in der deutschen Provinz damals nur sehr undeutlich wahrgenommen wurde – nicht nachrichtentechnisch „auf dem Quivive zu sein“ (= ins Hintertreffen zu geraten).

Eine der renommiertesten (= angesehensten) Zeitung des deutschen Kaiserreichs war der 1868 gegründete „Berliner Börsen Courier“ (BBC), der sich von Beginn an auf die Veröffentlichung von Kursdaten der Berliner Börse spezialisiert hatte – ergänzt durch eine Berichterstattung zu aktuellen Themen aus Politik, Kultur und Unterhaltung. Der BBC hat bis in die dreißiger Jahres des 20. Jahrhunderts Bestand.

Vor allem aber spielten die rasant wachsenden Zeitungskonzerne Mosse, Scherl und Ullstein bei dem medientechnischen Mentalitätswandel eine zentrale Rolle. Alle drei Unternehmen entwickelten erfolgreich neue Zeitungsformate, die die einstmals führenden und nun etwas angestaubten publizistischen Flaggschiffe – wie die „Spenersche Zeitung“ und die „Nationalzeitung“ – komplett aus dem Berliner Markt drängten oder – wie die „Neue Preußische Zeitung“ (auch „Kreuzzeitung“ genannt) und die „Vossische Zeitung“ – finanziell ausbluten ließen.

1872 hatte der Buchhändler Rudolf Mosse, der bereits als Allein- und Großanbieter von Anzeigen in fremden Zeitungen sein erstes Vermögen verdient hatte, das „Berliner Tageblatt“– das fortan als liberales Qualitätsblatt hohe Auflagen erzielte – sowie die beliebte Satire-Zeitschrift „ULK“ gegründet. Später (1889) kam im Mosse-Verlag dann noch die auflagenstarke „Berliner Morgen-Zeitung“ dazu.

Ein weiterer Meilenstein war 1883 erreicht, als Mosses Konkurrent August Scherl – ein ehemaliger Herausgeber von Groschenromanen – den „Berliner Lokal-Anzeiger“ mit großem Erfolg auf den Markt brachte, der durch verschlankte Beiträge und eine vereinfachte, lesbarere Nachrichtensprache hohe Beliebtheit gewann. Zudem legte Scherl in seinen Blättern den Schwerpunkt auf einen reinen Nachrichtenteil – anstelle von umständlich-redseligen Kommentaren. Da die Produktionskosten des Lokal-Anzeigers nahezu ausschließlich über Anzeigen finanziert wurden, konnte Scherl ihn zum Kampfpreis von einem Groschen (= zehn Pfennige) verkauften. 1904 kaufte der Scherl Verlag dann auch die Traditionsillustrierte „Die Gartenlaube“ – die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die erste große Massenpublikation in Deutschland war – und die zehn Jahre zuvor von zwei Engländern mit Erfolg gegründete Sportillustrierte „Sport im Bild“ auf.

Noch größere Auflagen als der „Berliner Lokal-Anzeiger“ erzielte allerdings die „Berliner Morgenpost“, die seit 1898 im Ullstein Verlag erschien und speziell bei der linksliberalen und sozialdemokratischen Leserschaft große Beliebtheit gewann. Legendär ist der „Zeitungskrieg“ Ende des 19. Jahrhunderts, den sich Scherl mit Ullstein lieferte. Am Ende der Werbe- und Preisschlacht konnte sich die Morgenpost als auflagenstärkstes Blatt der Stadt behaupten und der erfolgsgewöhnte Scherl musste erstmals klein beigeben.

Bereits 1877 hatte der Papierhändler und Verlagsgründer Leopold Ullstein das „Neue Berliner Tageblatt“ übernommen und mit der kurz darauf erworbenen „Berliner Zeitung“ fusioniert. Doch erst ab 1904 wurde dieses Ullstein-Blatt unter einem neuem Namen zum Prototyp einer noch weiter fortgeschrittenen Geschwindigkeitspresse: Die „B.Z. am Mittag“ galt fortan als Deutschlands erstes Boulevardblatt, eine Zeitlang wurde sie sogar als „schnellste Zeitung der Welt“ beworben.

Möglich war dies, weil die Erben des mittlerweile verstorbenen Leopold Ullsteins die Produktionsabläufe an den Rotationsmaschinen weiter modernisiert hatten. Und da die Produktionszeiten der schnell drehenden Pressen im Schichtbetrieb noch effizienter ausgelastet werden mussten, um die hohen Anschaffungskosten zu refinanzieren, wurde mit der Mittagsausgabe der B.Z. eine weitere Ausgabeschiene zwischen den Erscheinungsterminen der Morgen- und Abendausgaben geschaffen. Ullstein ließ daher die „B.Z. am Mittag“ druckfrisch direkt auf den Berliner „Boulevards“ (so wurden die große, breiten Hauptverkehrsstraßen der Stadt – in denen besonders viele Passanten unterwegs waren – nach ihrem Pariser Vorbild genannt), die der Zeitungsgattung „Boulevard-Presse“ ihren Namen gaben. Die Bouelvard-Blätter wurden zu einem großstädtischen Lärm- und Klangelement. Die grellen Schlagzeilen, die damals noch nicht in Balkengröße in die Augen stachen – nicht zuletzt wegen der Sperrigkeit der damals in Deutschland gebräuchlichen Frakturschriften – wurden von den umherziehenden Zeitungsverkäufern auf den belebten Straßen marktschreierisch herausposaunt.

Als visuelle Eyecatcher (= ködernde Blickfänge) an den Kiosken der Stadt dienten vor allem die Titelbilder der illustrierten Zeitschriften, die als „Illustrierte“ mehr und mehr eine eigene Gattung zu bilden begannen . Seit 1894 erschien bei Ullstein im Wochenrhythmus die „Berliner Illustrirte Zeitung“ – nein, das ist kein Rechtschreibfehlerfehler –, die mit ihren Fotos auf dem Titelblatt – ab 1901 gab es Fotos auch im Inneren des Blattes – mit großem Erfolg auf eine optische Überwältigung bei der Kaufentscheidung von neugierigen Lesern setzte. Im Jahr 1899 gab Scherl das Konkurrenzblatt „Die Woche“ heraus, die vor allem auf die photographische Widergabe von Großereignissen wie Pferderennen, Paraden, Manöver oder Kaiserbesuche setzte. Dies war möglich, da sich dank des von dem Berliner Fotografen Ottomar Anschütz entwickelten Verfahrens der „Momentfotografie“ – hier kam ein „Rolltuch-Schlitzverschluss“ zum Einsatz – auch trotz kurzer Belichtungszeiten druckfähige Fotos herstellen ließen.

Im Konkurrenzkampf mit Ullstein war Scherl erneut „State oft he Art“ (= auf dem neuesten Stand). Dennoch verlor Scherl auch auf dem Feld der illustrierten Wochenzeitungen den Kampf gegen Ullstein. Das moderne, abgezockte Berliner Publikum war bald der permanenten fototechnischen Berichterstattung von kaiserlichen Paraden und Reisen überdrüssig. Bald galt „Die Woche“ bei der der Themenfindung als leicht angestaubt – so wie die fotorealistischen „Schinken“ (= Monumentalgemälde) des von Wilhelm II. verehrten Historien- und Hofmalers Anton von Werner oder die staatsherrlich-pathetischen Denkmäler und Skulpturengruppen des Großbildhauers Reinhold Begas dem beißenden „Spott“ der zeitgenössischen Berliner „anheimfielen“ (= den Spott erdulden mussten).

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