Was ist die Express-Zeit (Teil III)?

Aktualität bildete bereits im 19. Jahrhundert in Berlin ein wichtiges Verkaufsargument für den Erwerb einer Zeitung. Zunächst war es vor allem die sensationshungrige Finanz- und Wirtschaftswelt der Stadt, für die der schnellstmögliche Nachrichtenfluss einen wichtigen Kaufanreiz für tagesaktuelle Presseerzeugnisse bildete. Von der Reichsgründung 1871 und der gestiegenen überregionalen politischen Bedeutung Berlins gingen zudem weitere wichtige Impulse für Neuentwicklungen im Berliner Pressewesen aus, das immer stärker auf ganz Deutschland ausstrahlte. Vor allem aber wandelten sich die Zeitungen von einem gemächlichen und privilegierten Informationsmittel, dass zunächst nur für die groß- und bildungsbürgerlicher Eliten von Nutzen war, zu einem Suchtmittel, das in immer größere Bevölkerungskreise das Verlangen nach schnell konsumierbaren Nachrichtenhäppchen wachsen ließ. Zeitungen und Zeitschriften wurden jetzt von immer mehr Menschen überall und zu jeder Tageszeit überflogen. Nur so konnten sie in der aufkommenden „Express-Zeit“ der Gefahr vorbeugen – eine Gefahr, die in der deutschen Provinz damals nur sehr undeutlich wahrgenommen wurde – nicht nachrichtentechnisch „auf dem Quivive zu sein“ (= ins Hintertreffen zu geraten). „Was ist die Express-Zeit (Teil III)?“ weiterlesen

Was ist die Express-Zeit? (Teil II)

Für die auswärtigen Zeitgenossen war das Berliner Tempo zur Zeit der Jahrhundertwende vom 19. zum 20 Jahrhundert reizüberflutend und atemberaubend. Als Unbeteiligte nahmen sie den Straßenverkehr und die vorbeihetzenden Menschenströme als seelenloses Gerenne wahr. Doch die Berliner „Dromologie“ (= Logik des Laufes) gehorchte Regeln, die über Jahrzehnte eingeübt worden waren und die das Tagesgeschehen für nahezu jeden Berliner (unter-)gliederten. Auch die Lesegeschwindigkeit hatte immer stärker zugenommen, denn die Berliner verstanden es, die typischen Codes, Floskeln und Redewendungen der neuen Medien und Textgattungen aufzunehmen und gegebenenfalls auch zu entschlüsseln. Das schwülstige Pathos des 19. Jahrhunderts schliff sich in den Express-Zeiten immer mehr ab oder wurde – wenn es unvermeidlich war – ironisch gewendet. „Was ist die Express-Zeit? (Teil II)“ weiterlesen

Was suchte Nietzsche in Berlin? (Teil II)

Friedrich Nietzsche wollte kurzentschlossen im Juni 1882 das umsetzen, was er in den Monaten zuvor nur als spekulative Möglichkeit angesehen hatte: Das Waldrevier des Grunewalds zu sichten, in dem er sich fortan hätte zurückziehen und gleichzeitig die Nahdistanz zu Lou Salomé – die sich in Berlin niederlassen sollte – hätte wahren können. Nietzsches Expedition geriet zum Desaster. „Was suchte Nietzsche in Berlin? (Teil II)“ weiterlesen

Was suchte Nietzsche in Berlin?

Ein Flashback (= eine Rückblende) in das Jahr 1882: Als der Philosoph Friedrich Nietzsche an einem Freitagmorgen im Juni mit dem Zug am Anhalter Bahnhof ankam, hätte nicht nur seine Biographie sondern auch die Kulturgeschichte Berlins eine besondere Wendung nehmen können. Denn Nietzsche, das intellektuelle Monster (oder besser gesagt: ein (im besten Sinne) monströser Intellektueller, der Jahrzehnte später als der Säulenheilige des deutschen Expressionismus gelten sollte), war wild entschlossen in die Reichshauptstadt zu ziehen – nicht direkt in die Stadt selbst, sondern in den nahe gelegenen Grunewald. „Was suchte Nietzsche in Berlin?“ weiterlesen

Was ist die Express-Zeit?

Das Berlin der Jahrhundertwende machte gegenüber der altehrwürdigen Habsburger-Metropole Wien immer mehr Boden gut. Künstlerstars aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zogen es nun in Betracht, in die preußische Hauptstadt zu ziehen, um hier ihrer Karriere einen weiteren Schub zu geben. Aber auch die Berliner Subkulturen drängen sich zu der Zeit immer stärker ins (elekrifizierte) Rampenlicht. Mit radikalen Mitteln reagierten sie auf die Beschleunigung des modernen Stadtlebens, das im „Express“-Tempo die Zeitgenossen durchwirbelte. „Was ist die Express-Zeit?“ weiterlesen