Was ist ein Berliner Schlüssel?

Auch David Bowie hatte einen, als er in der Hauptstraße 155 wohnte – einen Berliner Schlüssel.

Diesen metallenen Durchsteckschlüssel, der es einem Schlüsselinhaber erlaubte, die Durchgangstüre zwischen Straßen- und Innenhofseite von Berliner Mietshäusern zu passieren.

Berliner Schlüssel mit
Berliner Schlüssel mit Halterung (Foto: Schlesinger/Wikimedia Commons unter cc-by-sa)

Heute ist der kurz vor dem Ersten Weltkrieg patentierte Berliner Schlüssel nahezu verschwunden.

Was aber macht den Berliner Schlüssel, der es seinen Benutzern ermöglichte, die Haustüren kurzzeitig zum Hindurchgehen aufzuschließen, der diesen aber auch abverlangte, die Türen nach dem Ein- bzw. Austreten wieder zu verriegeln, so besonders?

 

Erstens: Er ist ein Relikt aus bewegten Berliner Zeiten. Als verbreitetes mechanisches Schlüsselsystem verbindet der Berliner Schlüssel die Epoche der wilhelminischen Kaiserzeit mit dem modernen Berlin nach der Wiedervereinigung.

Zweitens: Er hat ein so charakteristisches wie bizarres Aussehen. Mit seinen zwei identischen Schlüsselbärten an jeder Seite mutet er wie ein „surrealistischer Schlüssel“ (Bruno Latour) an.

Drittens: Ihn gibt bzw. gab es nur in Berlin. Warum auch immer, er hat sich in keiner anderen Metropole der Welt durchgesetzt.

Viertens: Und genau das macht ihn für uneingeweihte Auswärtige oder Nachgeborene so interessant: Seine Wirkungsweise ist nicht nur heute, sondern er war auch schon in den Zeiten, als er viel benutzt wurde, allein nur den Berlinern bekannt. Dessen Beherrschung war einst quasi ein Alleinstellungsmerkmal eines „typischen“ Berliners.

Alle Nicht-Berliner, die ihn zufälligerweise in der Hand halten oder hielten, stellen sich dagegen folgende Fragen: „Was für ein seltsames Ding ist das? Wozu soll das gut sein? Warum ein Schlüssel mit zwei Schlüsselbärten? Und zwei symmetrischen obendrein? Über wen will man sich lustig machen?“

Diese Fragen hat Bruno Latour in seinem Buch „Der Berliner Schlüssel. Erkundungen eines Liebhabers der Wissenschaften“ formuliert, als der französische Wissenschaftsforscher seine Überlegungen zur Wirkungsweise dieses rätselhaften Artefakts – also eines von Menschen hergestellten Gegenstands – anstellte.

Hierfür entwickelte Latour ein spekulatives Gedankenexperiment: Er mutmaßte über die Gedanken einer fiktiven Archäologin, die in einer Berliner Nacht auf einer Berliner Straße vor einem Berliner Haus steht und einen Berliner Schlüssel an einem dazu passenden Türschloss ausprobieren will.

Dabei wundert sie sich, dass sie den Schlüssel nicht mehr herausziehen kann, nachdem sie die Tür zum Hof geöffnet hat. Selbiges gelingt ihr erst als sie die Tür wieder geschlossen hat. Nur das sie jetzt erneut wieder vor der verschlossenen Tür steht, ohne ihrem Ziel auch nur einen Schritt weiter gekommen zu sein – es sei denn, sie würde nach dem Durchschreiten in den Hof den Schlüssel im Türschloss zurücklassen. Mit anderen Worten: Es handelt sich also um eine kafkaeske Situation: Der Schlüssel übernimmt die Rolle des so legendär unerklärlichen wie vermeintlich unerbittlichen Türhüters aus Kafkas „Der Process“

Was ist zu tun?

Die Lösung liegt in einer – so Latour –„absurden Geste“: Die Archäologin schiebt also den Schlüssel durch das Schloss hindurch. „Diese durch die Mauern hindurchgehenden Schlüssel“, so schreibt Latour weiter, „erinnern zu sehr an Gespenster, als dass sie einem nicht Angst einjagen würden.“

Gespenstisch: Der Berliner Schlüssel sieht nicht nur surreal aus, seine Funktionsweise – das Durchdringen von Schlössern, Türen, Wänden, Mauern, etc. –mutet auch absurd an. Die Funktion des Schlüssels nimmt anscheinend groteske Formen an. Doch fügt man alle wichtigen Komponenten zusammen (Haustür, Schlüssel, Schloss, ein Hauswart und sein Generalschlüssel), erfüllt das Prinzip eines Berliner Schlüssel einen praktischen Zweck. Latour nennt das ein Aktionsprogramm: „Schließen Sie bitte die Haustür nachts immer hinter sich zu, tagsüber jedoch nie.“

Vor allem aber: Die ungewohnte Handbewegung konnte die Archäologin nicht aus sich heraus erlernen. Sie musste sie von jemand anderem erlernen, so Latour weiter: „Von einem Berliner, der sie selbst von einem anderen Berliner gelernt hat, der sie selbst wieder … und so weiter bis zum genialen Erfinder, den ich unbekannterweise den Preußischen Schlosser nenne.“

Ich will an dieser Stelle nicht zu viel über den Mechanismus des Schlüsselsystems, über Nute, Schlüsselbärte und Symmetrien, über Fallen, Schlosskästen oder Zuhaltungen schreiben. Wer das Gedankenexperiment der Latour‘schen Archäologin nachvollziehen möchte, kann sich hier mittels eines audiovisuellen Beitrags der ARTE-Reihe „Karambolage“ über die Funktionsweise des Berliner Schlüssels informieren:

Wichtig ist mir folgendes: Mit dem Berliner Schlüssel haben wir es mit einem vollendeten Beispiel von Tradition zu tun. Er ist einerseits ein physisches Ding, ein Objekt ein Artefakt, ein Gegenstand, und gleichzeitig ist er ein soziologisch-technologischer „Mittler“ (so Latour), dem durch Erinnerungen und gedankliche Assoziationen, durch Diskurse, Gebrauchsanweisungen und Beschreibungen „neues Leben“ (Latour) eingehaucht wird. Das seltsame Wesen des berlintypischen Schlüssels kann nur von Gesprächspartner zu Gesprächspartner, von Autor zu Leser, womöglich von Generation zu Generation weiter überliefert werden kann.

In diesem Blog will ich das Netzwerk solcher Überlieferungen – ich nenne es der Einfachheit halber: Berlin – näher beschreiben. Der Berliner Schlüssel kann mir dabei als ein gedanklich-assoziatives und kommunikatives Hilfsmittel dienen.

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